Große Geschichten über Frauen *Jeder Tag ist Frauentag*

Die Analphabetin von Agota Kristof
Fremd in einer fremden Sprache – karg ist Kristofs Geschichte, gehärtet die Worte und die Sätze, geschliffen und doch wurde sie zu einer der wichtigsten Schriftstellerinnen der Gegenwart. Nach einer wohlbehüteten Kindheit in Ungarn hatte sie unter der kommunistischen Herrschaft zu leiden, und als ihr Vater verhaftet wurde, kam sie als junges Mädchen in ein staatliches Internat. 1956 floh sie mit ihrem Mann und ihrem vier Monate alten Kind in die französischsprachige Schweiz. Dort war sie plötzlich eine Analphabetin und musste eine völlig neue Sprache erlernen – und schrieb großartige französische Prosa.
Wahrscheinliche Herkünfte von Ivna Žic
Ivna Žic öffnet in ihrer autofiktionalen Reflexion Zugänge zu den völlig unterschiedlichen Welten ihrer beiden Großmütter und des schweigsamen Großvaters, in deren Leben sich europäische Geschichte und eine untergegangene Welt spiegeln, die nach wie vor in uns weiterlebt und unser Handeln bestimmt. In zärtlicher Prosa und mit präzisen Beschreibungen geht sie den Spuren ihrer Ahnen nach und eröffnet einen Ort des Wiedererkennens im anderen. Diversität ist horizontal und vertikal, diachron und synchron.
Der Text öffnet sich in einem Durchgang von der Vergangenheit in eine europäische Zukunft, in der sich eine neue, radikale Vielsprachigkeit längst Raum geschaffen hat, und lässt aus dem Privaten das Politische entstehen.
Wie erzählen von einer Vergangenheit, die wir selbst nicht erlebt haben? Wie und in welcher Sprache erzählen von und über Geschichten, die wir nicht nachempfinden können? Denn wenn wir sprechen, sprechen wir Gegenwart, in der die Vergangenheit aber mitspricht: Wer also verstehen möchte, was er spricht, muss auch die Sprache der Toten verstehen.
Die Freiheit einer Frau von Édouard Louis
Édouard Louis erzählt liebevoll und schonungslos von seiner Mutter. Die Geschichte der Befreiung einer Frau.
Meine Mutter hat ihr ganzes Leben mit Armut und männlicher Gewalt gekämpft.
Eines Tages stand Édouard Louis’ Mutter einfach auf und ging: Weg aus der Gegend, weg von ihrem zweiten Mann, der wie der erste soff und sie demütigte. Er erzählt eindringlich und gnadenlos vom Wunsch, als Kind eine andere Mutter zu haben, und vom großen Glück, sie heute als befreite und glückliche Frau zu erleben.
Unser Deutschlandmärchen von Dinçer Güçyeter
Frauen mehrerer Generationen und der in Deutschland erstgeborene und langersehnte Sohn erinnern sich in kräftigen Bildern, Monologen, Dialogen, Träumen, Gebeten, Chören - eine Familiengeschichte in vielen Stimmen. Sie erzählt vom Schicksal türkischer Griechen, von archaischer Verwurzelung in anatolischem Leben und von der Herausforderung, als Gastarbeiterin und als deren Nachkomme in Deutschland ein neues Leben zu beginnen.
Die Handlung lässt nichts aus, keine Vergewaltigung, kein Missverständnis, keinen Konflikt am Arbeitsplatz, ganz gleich ob in der Schuhfabrik, beim Bauern auf dem Feld oder in der eigenen Kneipe. Und dann ist da noch die Erwartung der Mutter an den heranwachsenden Sohn, der ihr als starker Mann zur Seite stehen soll, selbst jedoch eine gänzlich andere Vorstellung von einem erfüllten Leben hat.